Dem Gottesdienst lag folgendes Wort zugrunde: «Und auf einmal, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr bei sich als Jesus allein.» (Markus 9, Vers 8). Das Stück «Herz und Herz vereint zusammen», welches das Orchester bereits vor Beginn gespielt hatte, galt an diesem Sonntag für alle. Für Erika und Armin, die den Segen zur Eisernen Hochzeit empfingen. Für unseren Evangelisten Beat Schaffner, der in den Ruhestand versetzt wurde. Und für eine Gemeinde, die selbst die Nähe zu Gott sucht.
Die Frage, auf die man sich vorbereitet
Bischof Rudolf Fässler begann mit einem Satz, den er mehrfach aufgriff: «Wir schmieden an der Zukunft.» Zukunft meine dabei mehr als das irdische Leben: Auf grosse Entscheidungen bereite man sich vor – umso mehr auf die Frage, wo der Mensch seine Ewigkeit verbringen wolle. Gott wünsche sich dauerhafte Gemeinschaft mit den Menschen; wer diese Beziehung selbst wolle und pflege, dürfe darauf vertrauen, begleitet zu werden.
«Nur noch Jesus allein»
Von dort führte der Bischof zur Verklärung auf dem Berg (Markus 9). Die Jünger seien keine übernatürlichen Wesen gewesen, sondern Menschen in einem Prozess – bis sie am Ende feststellten: Es geht um Jesus allein.
Entscheidend sei, das Erlebte in den Alltag mitzunehmen. Wie leicht vergessen Menschen, was sie mit Gott erfahren haben – und verlieren darüber ihr Vertrauen. Die Begegnung solle zu einer bleibenden Gewissheit werden: Gott ist gut in meinem Leben. Vergangene Lasten dürfe man hinter sich lassen, statt in lähmenden Gedanken zu verharren. «Packen wir es an.»
«Das ist mein Mann»
Erika und Armin haben sich in Albisrieden kennengelernt, an einer Orchesterprobe. Als Erika ihn im Türrahmen zum Kirchensaal stehen sah, war die Sache für sie entschieden: «Das ist mein Mann.» Liebe auf den ersten Blick – und der Anfang von 65 gemeinsamen Jahren.
Ein letztes Mal gedient
Nach dem Heiligen Abendmahl folgte die Ruhesetzung von Evangelist Beat Schaffner. Zuvor sang der Chor «Abba Father», eines seiner Lieblingslieder: «Abba» ist das aramäische Wort für Vater, so vertraut, wie ein Kind es ruft.
45 Jahre stand er im Amt, davon vierzig in der Jugendarbeit. Er hatte immer ein grosses Herz für alle Menschen, war ehrlich, offen und authentisch – mit einer Prise Humor. Auch an diesem Morgen diente er noch einmal und nahm die Gemeinde mit ins Tessin.
Er erzählte vom Aufstieg zur Kirche Madonna del Sasso. Den Kreuzweg hinauf wollte er gehen, doch der war wegen Reinigungs- und Reparaturarbeiten gesperrt. Also konnte er – anstatt im Zick-Zack-Kurs – auf direktem Weg zur schönen Kirche hochgehen. Auf dem Rückweg nahm er einen anderen Kreuzweg - in umgekehrter Richtung - zum See zurück. Es ging nun nicht von Station zu Station auf das Kreuz zu, sondern vom Kreuz weg, zurück ins Leben. Und dort, an einem Anschlagbrett, entdeckte er seinen Lieblingsvers: «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir» (Psalm 139,5).
Darin liege die Antwort, sagte der Evangelist. Es gebe Kreuzwege im Leben – Leid, Schuld, Verletzungen, Krisen –, aber das Kreuz sei nicht das Ende. Niemand solle im Kreuzweg hängen bleiben; man dürfe sich von Vergangenem lösen, Vergebung annehmen und weitergehen. So wie ein Weg gereinigt und instandgesetzt werden müsse, brauche auch ein Leben immer wieder Erneuerung.
Was der Bischof zuvor gesagt hatte, klang aus dem Mund des scheidenden Evangelisten wie eine Bestätigung aus 45 Dienstjahren.
65 Jahre, eisern gegangen
Bischof Fässler dankte Erika und Armin für das, was sie in die Gemeinschaft eingebracht hatten: Aus ihren Begabungen sei über die Jahrzehnte Frucht geworden – eine grosse Familie, die Mitarbeit in verschiedenen Gemeinden, das Engagement für junge Menschen.
Aus der Glut der Liebe seien die beiden immer enger zusammengewachsen, sagte der Bischof, und diesen langen Weg seien sie eisern gegangen. Treue, gegenseitige Achtung, die Bereitschaft, füreinander da zu sein – 65 Ehejahre als christliches Vorbild. Den Gerechten gehe Licht und Freude auf (Psalm 97) – auf ihrem gemeinsamen Weg sei dieses Licht nie ausgegangen. Und mit dem Apostel Paulus: Gott, der ein gutes Werk begonnen hat, werde es auch vollenden (Philipper 1,6).
Dann empfingen die beiden den Segen im Namen des dreieinigen Gottes, dazu die guten Wünsche von Gemeinde und Familie. Im Anschluss spielte das Orchester das Intermezzo aus «Cavalleria rusticana».
Am Ende blieb, was am Anfang stand: die Beziehung – und damit die Antwort auf die Frage vom Morgen. Mit «Jauchzet dem Herrn» endete der Gottesdienst.
Text: Simone Töllner
Fotos: Roland Waller